Viele Monate des Reisens sind bereits vergangen, doch es ist noch nicht vorbei. Macht man sich auf die Suche, dann findet man ueberall Abenteuer! Nur los gehen muss man. Und genau das habe ich wieder vor. Wohin? Einfach immer der Nase und dem Herzen nach. Für Interessierte gibt es hier die Fortsetzung von sabsbabsundanneinaustralien.blogspot.com!

Monday, September 9, 2013

Roadtrip nach Lettland

War ich auch mit so wenigen Dingen nach Freiburg gekommen, zum Abschied hatte sich doch wieder ein kleiner Berg von Dingen angehäuft, die irgendwie doch gar nicht zum Überleben notwendig sind.
Was bringen einem die schönsten, grössten und teuersten Dinge, wenn sie einen doch am Leben hindern, weil man dauernd darauf achten muss, sie nicht zu verlieren oder zu zerbrechen?



Der Bus von Freiburg aus, zu dem Haus meiner Eltern in Thüringen, hatte 70 Minuten Verspätung. Ich sass neben einem 12-jährigen jungen Mann, der mich über mein Leben nachdenken liess. 16 Jahre hatte ich in meiner Kindheit in ein- und demselben Dorf verbracht und kann es nun kaum erwarten, von einem Ort zum Nächsten zu ziehen.
Dieser junge Mann neben mir war 12 Jahre alt und 20 Mal umgezogen in seinem Leben.
20 Mal an einen neuen Ort gewöhnen, 20 Mal eine neue Schule besuchen, 20 Mal neue Lehrer,
20 Mal versuchen neue Freunde zu finden. Kein Wunder, dass sein einziger Wunsch war, für mehrere Jahre an einem Ort bleiben zu können und nicht immer seine gerade gefundenen Freunde wieder einmal zurück zu lassen. Seine Mutter hatte andere Pläne - sie zog nun nach Spanien zu ihrem neuen Freund und ihr Sohn war auf dem Weg nach Hamburg, um bei seinem Vater zu leben.




Trotz Abschiedsstimmung war die Woche zu Hause sehr schön. Das Abschied nehmen hat sich für mich verändert - ich vergebe meine Tränen wohl nicht mehr an jegliche flüchtige Bekanntschaft, der ich einmal begegnet bin. Mit nahestehenden Personen ist es aber noch immer schwer, zu wissen, dass sie eine ganze lange Weile nicht bei einem sein werden. Aber jeder lebt sein eigens gewähltes Leben und ist glücklich damit - warum also Grund zur Traurigkeit?

Am 09.07.13 fuhren wir nach 2 Stunden Schlaf um 24.30 Uhr los, früh am Morgen ging mein Flug. Meine Mutter hatte sich tollerweise frei genommen, um mich zu fahren und als sich spontan auch noch meine kleine Schwester anschloss, war mein Abschiedskommitee perfekt.

Abschiedstränen, 2einhalb Stunden Flug, eine Stunde Zeitverschiebung nach vorne - und da standen auch schon Meelis und Ruby vor mir. Die zwei, die sich in Australien im selben Hostel wie wir kennengelernt hatten und letztes Jahr koreanisch heirateten. Das letzte Mal trafen wir sie in Neuseeland und jetzt bin ich sehr froh sie hier zu sehen. Ein paar Freunde zu haben macht doch das Ankommen einfacher, selbst wenn sie 3 Stunden von uns entfernt leben werden.

Die Farm, mein neues zu Hause
Noch am selben Tag fuhr ich zur Farm, Jaak hatte Besuch von einem Freund und sie waren auf eine kleine Kanutour gegangen, von der wir sie nun abholen wollten. Dunkelheit, leere Handyakkus, stundenlanges Suchen nach einer "Brücke" irgendwo im Nirgendwo, Bammel weil wir mittlerweile in Lettland waren und ich keinen Reisepass bei mir hatte - ja, meine Zeit hier begann genauso aufregend, wie die ganzen letzten Jahre gewesen waren!

"Kanki, unser Hund

Im Sommer sind immer unglaublich viele Besucher hier in der Farm. Während die Einen gehen, kommen schon die Nächsten, auf der Suche nach etwas Ruhe und Entspannung.
 Das bedeutete dieses Jahr auch Ablenkung für Jaaks Mutti und die Möglichkeit für uns, auf ein paar kleine Roadtrips zu gehen, bevor wir uns hier wirklich "niederliessen".

Der erste Roadtrip startete schon am nächsten Tag. Wir packten Zelt, Schlafsack und ein paar Klamotten in das Auto von Jaak´s Freund und zu Dritt ging´s auf nach Lettland!

Auf nach Lettland!

Am ersten Tag schauten wir uns ein paar Orte an, machten eine Burgführung und schliefen anschliessend in der Hauptstadt Lettlands, in Riga. Sowohl Jaak, wie auch ich, waren schon hier gewesen und hatten ein paar Nächte in unserem Lieblingshostel dort verbracht.

Am nächsten Tag begann das eigentliche Abenteuer und die schönste Zeit unseres 3 - Tage Trips.
Das Ungeplante! Wir waren gerade auf dem Weg Richtung Litauen, als uns ein junges Mädel auffiel, welches am Strassenrand stand und trampte. Wir waren in Backpacker - Urlaubslaune und da kam uns nichts gelegener als ein Hitchhiker, mit spannenden Abenteuern! Urplötzlich war unser ruhiges Auto erfüllt von dem freudigen Geschnatter dieses holländischen Mädels, dass von ihren Reisen erzählte und uns einlud, zu einem kleinen Hippifestival zu kommen, von dem man nur durch Mundpropaganda erfahren konnte.


Unser "Hitchhiker"
Das klang gut! Wir waren auf der Reise, es war vollkommen egal wohin wir fuhren und diese spontanen Gelegenheiten sind da, um sie zu ergreifen.
Für ein bisschen Gemüse als Mitbringsel und ein paar "Lats" Eintritt, bekamen wir ein blaues Festivalbändchen und wir "gehörten dazu", zum "Give und Get - Festival".

"Give and Get" - Festival, Geben und Nehmen
Jeder, der wollte, konnte einen Kurz leiten und den Anderen etwas beibringen. Sei es Yoga oder Tanzen, sei es "schön schreiben" oder trommeln, alles war möglich. Man gab, und nahm teil.
Da waren ein paar hundert junge Menschen mit unglaublich vielen Kindern, fast alles Letten, weshalb wir auch die Ansagen der Programmpunkte nie verstanden.


Kostenlose Umarmungen gibt es hier.




Ich genoss die Zeit mit meiner neugewonnenen Freundin und gemeinsam schauten wir uns um, nahmen sogar an einem der "Tanzkurse" teil. Dabei schloss einer der Partner die Augen und liess sich führen. Der Andere "formte" diesen Menschen, bewegte entspannt dessen Arme, Beine oder auch den ganzen Körper in kurzen, wiederkehrenden Bewegungen. Dann wurde getauscht.

2 Tage verbrachten wir auf dem Festival und irgendwie blieben wir meist unter uns, spielten Volleyball, gingen schwimmen und quatschten. Aber wir vier waren eine tolle Gruppe und das war echt angenehm!


Yeah, Camping!










Trotz allem, zog es uns schon am zweiten Tag weiter. Wir wollten nach Litauen und ein paar Sandstrände sehen. Unser "Hitchhiker", wie wir sie nur liebevoll nannten, war auf dem Weg nach Berlin und als wir sie einluden mit uns zu kommen, willigte sie tatsächlich ein!



So kam es, dass sie eine zweite Nacht mit uns verbrachte. Diesmal bei einem Lagerfeuer am Strand. Wir brieten Schaschlikspiesse und Marshmallows über dem Feuer, sahen in den Sonnenuntergang, spielten ein kleines Instrument namens "Okarina" und beschlossen, bei all der Schönheit, draussen zu schlafen und gar nicht erst ein Zelt aufzubauen. Leichte Bedenken waren da, ganz klar sah der Himmel ja nicht aus!?


Marshmallows und Schaschlikspiesse über dem Lagerfeuer, Sonnenuntergang, schlafen am Strand unter freiem Himmel...






Und wirklich. Ich  hatte das Gefühl, gerade erst langsam eingeschlummert zu sein, als mich auch schon wieder ein aufgeregter Jaak aufweckte. In Dunkelheit und Nieselregen galt es nun so schnell wie irgendwie möglich ein Zelt aufzubauen! Als das getan war, quetschten wir uns zu Viert hinein und bemerkten erst jetzt die unangenehmen Hügel unter unserem Zelt, die ein Einschlafen fast unmöglich machten. Am nächsten Morgen waren wohl auch die Mücken des Regens lästig geworden und machten sich in unserem Zelt wie selbstverständlich breit, um unser Blut zu saugen.
Eine aufregende Nacht!



Für uns ging es nun zurück zur Farm. Unseren niederländischen Hitchhiker wollten wir an der Fähre rauslassen, mit der sie nach Berlin fahren konnte. Aber sie hatte natürlich nicht gebucht und die einzigen freien Plätze waren so teuer, dass sie sie nicht bezahlen konnte.

Da nahmen wir sie mit zurück nach Riga und sie versuchte ihr Glück mit den Truckfahrern, würde einer sie mitnehmen?  Dumm gelaufen, niemand fuhr in ihre Richtung! Mittlerweile war es 23 Uhr abends und vollkommen dunkel, an die Strasse stellen und den Daumen raus halten war da auch keine Option mehr.
Und wie ging die Geschichte aus? Obwohl unsere Hitchhikerin in den Süden wollte, fuhr sie nun mit uns 500 km in die gegenüberliegende Richtung, in den Norden,
und übernachtete eine Nacht bei uns in der Farm!
Wir hatten viel zu lachen an diesem Abend.
Am nächsten  Morgen fuhr Jaak sie zur nächstgelegenen grossen Strasse und es dauerte nicht lange, bis sie ein älterer Herr mitnahm. Mitfahrgelegeneiten reihten sich an Mitfahrgelegenheiten und ein paar Tage später bekamen wir die Nachricht, dass sie wohlbehalten in Berlin angekommen war.
 Für mich und Jaak ging es schon ein paar Tage später auf zu unserem nächsten Trip.
 

Sunday, June 23, 2013

Grosse Entscheidungen

Die Haarlänge nach ca. 3,5 Monaten
 Meinen zweiten Monat in Freiburg, verbrachte ich also zur Zwischenmiete in einer WG mit zwei jungen Männern. Einer der Beiden studierte Politik, der Andere hatte einen kleinen Club und arbeitete deshalb meist Nachts, deshalb sahen wir uns auch nicht sehr oft.





 
Desto sehr ich mich freute, endlich eine Wohnung zu haben, umso mehr überkamen mich aber auch recht unangenehme Gefühle, als ich schliesslich auf "meinem" neuen Bett in der leeren Wohnung sass. Da war ich also, in der Wohnung, dem Zimmer, welches mein Eigenes war. Aber nichts davon hatte ich je gesehen und alle Möbel, jegliche Gegenstände in diesem Zimmer gehörten nicht mir, sondern dem Mädel, dass hier eigentlich wohnte und zur Zeit nur im Urlaub war.
Die Mitbewohner hatte ich einmal für 5 Minuten gesehen, aber sonst kannte ich sie gar nicht, obwohl sie doch nun so nah mit mir zusammen leben würden. Noch dazu hatte es sich erst vor 2 Tagen ergeben, dass ich hier für einen Monat einziehen könnte. Und dem Zettel auf dem Tisch, der an die Mitbewohner gerichtet war, entnahm ich, dass sie noch gar nichts von mir wussten, sondern dachten, ein Anderer würde einziehen, der im letzten Moment abgesprungen war.
Ja, das war ein sehr merkwürdiges Gefühl. Das hier war mein neues zu Hause, aber ich fühlte mich nicht zu Hause, weil ich diesen Ort ja noch nie wirklich gesehen hatte.
Aber mit der Zeit besserte sich dieser Zustand und auch wenn wir keine Freunde für´s Leben wurden, hatten wir doch einige interessante Begegnungen und Gespraeche.

Ausflug mit Jaak
Als Jaak zwei Wochen später in Freiburg ankam und wir uns nach ca. 4 Monaten erstmals wieder sahen, wurde die Wohnungssituation nur noch komplizierter. Mir war es unangenehm, dort erst seit wenigen Wochen zu wohnen und schon meinen Freund mit zu bringen, der auch gleich einzog. Deshalb schickte ich Jaak von einem "Couchsurfingplatz" zum Anderen und von einer "Woofingfarm" zur Nächsten. Aber für meine Mitbewohner war es glücklicherweise auch gar kein Problem, wenn er zwischendurch immer wieder in unsere Wohnung war.
Nachdem Jaak ein paar Nächte bei unterschiedlichen Personen übernachtet hatte (Couchsurfing), ging er auf eine Farm, tief im Schwarzwald, um ihnen für kostenlose Unterkunft und Essen ein wenig auszuhelfen (Woofing).
Ein Trampversuch, der leider misslang. Nach 2 Stunden warten in der Nähe Freiburgs, fuhr er dann doch mit dem Zug.
Einmal besuchte ich ihn dort und es war ein spektakulärer Tag. Mit der "Höllentalbahn" ging es in`s Himmelreich. (Höllental deshalb, weil der Weg so eng und die Felsen rechts und links so hoch sind, dass es früher ein idealer Ort für Räuber war, die Kutschen zu überfallen. Wer es tatsächlich lebend hindurch schaffte, der war eindeutig im "Himmelreich", dem nächsten Ort.)
Willkommen in "Himmelreich"
Ich war überrascht und fasziniert, innerhalb 15 Minuten hatte ich mit dem Zug so einen grossen Höhenunterschied überwunden, dass um mich herum nun überall Schnee lag und die Kulisse sich komplett  verändert hatte. Ich war mitten in den Bergen und musste an "Heidi" aus dem Kinderbuch denken. 
Immer wieder sah ich kleine Häuser an den Hängen stehen, überzogen mit einer unglaublichen Schneemenge und Eiszapfen so lang, dass man nicht unter ihnen stehen wollte, falls sie irgendwann herunter fallen würden.

Ca. eineinhalb Stunden musste ich fahren und zwischendurch noch einmal den Zug wechseln, bis ich an einem Bahnhof ausstieg, der aus nicht viel mehr als einem Schild bestand. Dieser Ort hiess "Beuron", lag an dem berühmten "Jakobsweg" und schien unglaublich katholisch zu sein. An jeder Ecke standen Kreuze, Grotten, Kappellen, Kirchen, Klöster ... Der blutende Jesus am Kreuz, mit Stichwunden und leidendem Blick - warum konnten sie nicht positivere Symbole wählen, als dieses, bei welchem jedem Kind Angst und Bange werden würde?
Auf dem "Jakobsweg"
Weil es recht kalt war und auch hier Schnee lag, setzten wir uns für mehrere Stunden in eine Dorfgaststätte und tranken heisse Schokolade. Auch hier war alles überseht mit Kreuzen und Bildern von Heiligen, solch einen Ort hatte ich wahrlich noch nicht erlebt. (Obwohl ich aus einem katholischen Dorf komme!) Doch es war unglaublich schön, in der Wärme dieses Gasthauses, bei einem leckeren Getränk zu sitzen und diesen, so ganz eigenen Ort, auf sich wirken zu lassen. 

Im Gasthaus
Dann machten wir uns auf den Weg in das noch viel kleinere Dörfchen, in welchem Jaaks Woofingfarm lag. Da wir kein Auto hatten und dieser Ort nicht an öffentliche Verkehrmittel angebunden ist, begannen wir einen anderthalb stündigen Aufstieg, immer den Berg hoch, höher und höher. Kalt war uns jedenfalls nicht mehr, als wir schliesslich oben ankamen und wir hatten einige Male von einem Esel geträumt, der uns sicheren Trittes auf diesem schmalen Pfad nach oben bringen würde. 


Auf in die Berge!
Auf der Farm traf ich das ältere Paar, bei welchem Jaak wohnte und die koreanische "Wooferin", die sie ebenfalls seit ein paar Tagen unterstützte. Landschaftlich gesehen war alles unglaublich schön, mit diesem vielen Schnee und dem Efeu, der sich an allen Gebäuden empor rankte. Die Enten und Hühner liefen draussen umher, die Hunde kamen uns bellend entgegen gerannt, um uns zu begrüssen und die vielen Kühe und Pferde, wurden gerade gefüttert.
Das Haus war sehr schön anzusehen
Das kleine Häuschen, in welchem die Woofer wohnten, war mit dem kleinen Feueröfchen so gemütlich, dass wir uns verquatschten und viel zu spät los liefen, um den ganzen Weg zurück zum Bahnhof zu laufen. Das war der letzte Zug und weil ich Morgen arbeitete, musste ich ihn unbedingt erwischen.


Es war gemütlich in dem kleinen Haus.
Es wurde ein aufregender Weg, den wir fast eine Stunde lang rannten. Dazu kam, dass es nun stockdunkel war und wir keinerlei Licht dabei hatten. Der Pfad nach unten war glatt und schmal und setzte man den Fuss einen Schritt zu weit rechts, würde man den Berg herunter kugeln. 
Doch nach meinem anfänglichen Unmut über diese Situation, die mit einem früheren Losgehen oder der Annahme des Angebotes der Farmeltern, uns zum Bahnhof zu fahren, umgangen hätte werden können, meldete sich meine Abenteuerlust wieder zu Wort. Auf einmal schien ich topfit und voller Energie, wir schafften es tatsächlich und hatten sogar noch 5 Minuten Zeit am Bahnhof. 
Für mich begann die Heimfahrt, für Jaak der erneute Aufstieg des Berges im Dunkeln, um wieder zur Farm zu kommen. Ein weiterer Tag, der sich für ewig in meiner Erinnerung festsetzen wird.



Nur ein Wochenende später, kamen meine Schwester, mein Schwager und ihr kleiner zweijähriger Sohn vorbei und ich freute mich so dermassen, dass schon nach so kurzer Zeit jemand zu mir kam und mich besuchte!
15 qm war mein Zimmer gross und wir würden mit 4 Personen für ein Wochenende darin wohnen, mit einem kleinen Kind! Die drei würden im grossen Ehebett schlafen und ich in dem Hochbett, welches im Zimmer ebenfalls vorhanden war. 
Aber am Tag vorher stand auf einmal auch noch Jaak unerwartet in der Tür - sein "Farmvater" war manchmal recht grob und vergriff sich im Ton. So hatte er seine Helfer regelmaessig in unfreundlichem Ton über ihre Fehler belehrt und ihnen ebenfalls oft verboten, bei Minusgraden ein Feuer im Haus zu machen. Denn das verbrauchte zu viel Holz. Nun war die Situation eskaliert und Jaak hatte sich einfach in den Zug gesetzt und war zurück nach Freiburg gekommen. Schön, wenn das Leben so einfach ist und man einfach dort weg gehen kann, wo es einem nicht gefällt.
Nun waren wir also zu fünft im Zimmer, Jaak machte es sich auf der Isomatte bequem und die Wäsche, die für die nächste Arbeitswoche frisch sein musste, wurde an Betten und Regalen zum Trocknen verteilt. Ich kam mir vor, wie vor hundert Jahren, als die ganze Familie noch in einem Raum wohnte und schlief und alle Arbeit auch noch dort verrichtet wurde. Fehlten nur noch die Hühner und Schweine, die gackernd und grunzend im Zimmer herum liefen. Aber auf die konnten wir bei unserem neuen, kleinen Abenteuer, wegen des Geruchs auch gut verzichten.
Wir fuhren noch einmal mit der Höllentalbahn, nahmen einen Schlitten mit und gingen auf dem kleinen Markt in Freiburg essen, auf welchem es kulinarische Spezialitäten aus allen möglichen Ländern gibt. Ein schönes Wochenende!
Schlitten fahren im Bahnhof
Auf geht´s!
 Dann hiess es für mich auch schon wieder umziehen. Ein drittes Mal in 2 Monaten. Ich hatte eigentlich gehofft, in dieser Wohnung bleiben zu können, aber die Mitbewohner hatten andere Pläne. Sie glaubten noch nicht daran, dass das Mädel tatsächlich ausziehen würde, da sie ihnen das nie selbst gesagt hatte. Und selbst wenn sie tatsächlich auszog, hatten sie noch viele andere Freunde, die auch gerne einziehen wollten.



  Da wusste ich dann wenigstens, dass ich weitersuchen musste.
Aber ich hatte eigentlich gar keine Lust mehr zum Suchen! Und was war überhaupt mit Jaak, wo würde er wohnen? Eine teurere eigene Wohnung zu nehmen machte ja auch wenig Sinn, wenn er noch gar keine Arbeit hatte und keinerlei Geld verdiente. Ausserdem war nicht klar, wie lange er überhaupt in Deutschland bleiben würde...

Irgendwo in Freiburg ...
Eigentlich hatte ich mir ein Limit gesetzt, maximal 300 Euro für ein Zimmer zu zahlen.
 Doch dann wurde für 4 Monate ein Zimmer frei in der WG, in der eine Bekannte meines Bruders wohnte und ich sagte ohne grosses Überlegen zu, weil ich mir das Leben mit weiter suchen nicht noch schwerer machen wollte. Dann bezahlte ich eben 350 Euro für 15qm.

Die Haarlänge nach ca. 6,5 Monaten
 Als ich einzog, suchte sich Jaak auf mein Drängen hin gleich wieder einen "Woofingplatz", diesmal gar nicht so weit entfernt von Freiburg. Ich konnte ja nicht gleich mit meinem Freund hier einziehen.
Aber als er dann kurz nach Ostern endlich eine Festanstellung bei einer Garten- und Landschaftsbaufirma in Freiburg bekam, musste er natürlich auch hier leben. 
Mit meinen drei, mittlerweile nicht mehr ganz unbekanten Mitbwohnerinnen, vereinbarten wir schliesslich, ein wenig mehr Nebenkosten zu zahlen, dafür durfte Jaak ebenfalls in meinem Zimmer wohnen. 
Mir fiel ein Stein vom Herzen, als diese Situation endlich geregelt war. Denn ich hatte mir schon unglaublich viele Gedanken gemacht zu dem Thema, wo Jaak wohl unterkommen könnte, ohne ein teures Hostel zu zahlen. Und ohne sich ebenfalls auf Wohnungssuche begeben zu müssen. Nun waren immerhin die nächsten 4 Monate geregelt, was danach kommen würde, verdrängte ich ersteinmal.



Und wie so oft im Leben, entschied das Schicksal ganz alleine, wie es weiter gehen sollte.
Im November letzten Jahres war Jaaks Vater an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, eine Sorte Krebs, für die es kaum Hoffnung gibt. Vor allem deshalb war Jaak erst so spät nach Deutschland gekommen und es war völlig unklar, wie lange er hier bleiben würde.
An Pfingsten diesen Jahres war es dann soweit. Jaak war an der Arbeit, als seine Mutter anrief und ihm mitteilte, dass sich die Metastasen nun im ganzen Körper ausgebreitet hatten und Jaak darüber nachdenken sollte, bald zurück zu kommen. Damit er seinen Vater noch einmal sehen konnte.

 Hals über Kopf kündigte er nun seinen Job und schon 4 Tage später sass er im Flugzeug nach Estland.
Es begann eine Zeit der neuen Hoffnungen und geplatzten Träumen. Sie lebten auf der Farm und das war sehr schön, denn es war der Lieblingsort des Vaters und ein guter Ort zum Sterben. Den einen Tag ging es ihm gut, und den nächsten Tag ging es ihm wieder sehr schlecht. Er hatte Diabetes bekommen, nahm eine ganze Menge Medikamente, konnte kaum das Essen im Körper behalten und übergab sich trotz allem immer und immer wieder. Er magerte bis auf Haut und Knochen ab und bekam dann gelegentlich durch Infusionen Nahrung eingeflösst. Eine hohe Dosis Morphium, konnte die schlimmsten Schmerzen ein wenig erträglicher machen. Auch eine Chemotherapie bekam er einmal, aber die hatte natürlich in seinem Zustand keine grosse Wirkung mehr. Von hier aus kann ich nur erahnen, wie schlimm diese Zeit für seine Familie gewesen sein wird, denn den eigenen Vater oder Ehemann zu verlieren, diese Erfahrung ist mir bisher zum Glück vorenthalten geblieben.

 
 

 Vor ungefähr anderthalb Wochen starb Joel. Er ist friedlich eingeschlafen, als er in der Hängematte lag.
Hat einfach aufgehört zu atmen. Jaak und sein Halbbruder waren dabei.
Ein paar Tage später wurde er eingeäschert. Seine engsten Freunde und die Familie war dabei.
Was mit der Asche geschehen wird, ist noch nicht ganz klar. Es wäre schön, wenn man sie auf der Farm verteilen könnte, unter einem Baum vergraben oder etwas ähnliches, denn dort war seine Heimat, nicht in der Wohnung in der Stadt und auch nicht auf einem Friedhof. Ab der Rente wollten Jaaks Eltern die Wohnung in der Stadt verkaufen, das alte Farmhaus renovieren und ihren Lebensabend dort verbringen.
Ja, man sollte nicht die ferne Zukunft planen, sondern seine Träume lieber gleich leben, denn irgendwann ist es womöglich zu spät.


 
 Jaak ist nun der einzige Mann in der Familie und er wird, mit Hilfe des erfahrenen Nachbars, das alte Farmhaus renovieren. Da er seine Mutter ersteinmal eine Weile unterstützen will, wird er nicht nach Deutschland zurückkehren.

Das warf auch für mich viele Fragen auf und die Zukunft schien auf einmal wieder ganz ungewiss. Es war Zufall, dass ich genau an dem Wochenende einmalig wieder nach Erfurt fuhr, an dem sich die Metastasen ausgebreitet hatten und Jaak entschied, nach Estland zurück zu gehen. Ich wusste, dass ich mich in Freiburg noch lange nicht eingelebt hatte, hätte aber, ohne diesen Schicksalsschlag, noch weiter dafür gekämpft.
Aber als ich in dieser Stadt aus der Strassenbahn ausstieg, die im  Herzen noch immer meine Heimat ist, weil dort die Menschen leben, die ich noch immer als Freunde bezeichnen darf, da wurde mir umso klarer, dass mich in Freiburg nicht mehr viel hält.

Ich hatte in den paar Monaten erstaunlich wenig Freunde gefunden und gemerkt, dass man dort sehr stark darum kämpfen muss, die Herzen der Menschen zu gewinnen, die bereits ihren Freundeskreis haben und auf mich nicht angewiesen sind. Wenn ich die schöne Altstadt anschaue, die von Allen hochgelobt wird, dann sehe ich nur die Erfurter Altstadt, die mir so viel schöner erscheint.
Bevor ich hierher kam, habe ich nicht gewusst, dass Freiburg eine so beliebte Stadt ist, dass die Preise enorm und Wohnungen kaum zu finden sind. Den Aufwand wäre es mir nicht wert gewesen und er ist es mir immer noch nicht wert. Das ist eine persönliche Meinung und sie soll niemanden davon abhalten, diese Stadt hier zu besuchen und ganz andere Erfahrungen zu machen!


Wenn die Sonne kommt wird es hier, wie wohl überall, tatsächlich immer schöner.
Innerlich wusste ich wohl schon sehr bald nach diesem Pfingstwochenende, dass ich meinen Job wohl aufgeben und zu Jaak nach Estland ziehen würde. Eine Beziehung auf solche eine Entfernung und auf unbestimmte Zeit zu führen, das erschien mir als keine gute Lösung.


Doch auch wenn alles so eindeutig vor mir lag, war es doch keine einfache Entscheidung, die ich da traf.
Denn die Entscheidungen, die man im Leben trifft, sind nie ganz einfach schwarz oder weiss, gut oder schlecht.
Ich entschied mich gegen Freiburg und für Estland, für Jaak, aber gegen die wenigen Freunde, die ich auch hier gefunden hatte.
Und vor allem, und das ist die schwerste Entscheidung, entschied ich mich gegen meine Arbeit mit diesen wunderbaren Kleinen, die meine Augen jeden Tag zum Leuchten bringen, die mir immer wieder ein Lächeln auf das Gesicht zaubern und in ihrer liebenswerten Hilflosigkeit das Gute in die Welt zurückholen. Und für ein Leben in der schönen, aber auch einsamen Farm.

Auch meine Teamkollegen werde ich sehr vermissen, die ich ich immer so wunderbar liebevoll mit den Kleinen umgehen sehe und die ich gerne in mein nächstes Team mitnehmen würde!
Auch Freiburg
Aber diese Zeit ist ja nicht umsonst gewesen und ich ziehe einmal mehr mit vielen wertvollen Erfahrungen weiter. Zum Beispiel, dass ich es ein halbes Jahr an ein- und derselben Arbeitsstelle ausgehalten habe und  es auch noch länger hätte aushalten können. Das gibt mir eine Menge Selbstbewusstsein.
Und auch die Erfahrung, dass ich gerne mit 1-2 Jährigen zusammen bin.

Aber ebenfalls weiss ich, dass ich immer noch nicht bereit bin, mich an ein und demselben Ort niederzulassen, wo auch immer der sein mag. Meine Reise ist noch nicht zu Ende und der Kick von neuen Abenteuern, treibt mich immer weiter an. Das Ungewisse ist es, dass mich reizt und das mich auch auf die neuen Zeiten freuen lässt. 


Man weiss nie, wo es als nächstes hingeht...
Wie lange ich in Estland bleiben werde oder was ich dort tun werde - ihr braucht gar nicht fragen, denn ich habe nicht die geringste Ahnung! Das wird nun meine letzte Arbeitswoche sein, dann fahre ich noch einmal für eine Woche zu meinen Eltern nach Thüringen und am 09.07.13, geht mein Flug nach Estland.
Der Blog wird weiter geschrieben werden - also bis zum nächsten Mal, aus Estland!

Monday, April 8, 2013

Hostelleben in Freiburg

Nach dieser weissen Osterzeit eine kleine Erinnerung an eine Weihnacht ohne Schnee... :

Familienspaziergang an Weihnachten...

Geschwisterfoto

Aber gut. Das ist ja nun schon wieder Geschichte.
Denn tatsächlich sind schon wieder mehr als drei volle Monate hier in Freiburg vergangen! 
Und ich habe noch immer kein Wort darüber verlauten lassen, wie es mir denn nun hier so ergeht...

Wie bereits im letzten Blog erwähnt, fiel mir der Abschied von der Heimat nicht ganz leicht. Da ich von meinem neuen Lebensort nicht einfach wieder verschwinden konnte, wenn es mir nicht mehr gefiel, überkam mich eine gewisse Nervosität:

Würde ich mit der Arbeit klar kommen? Wie wird es sein, so lange an einem Ort zu bleiben, werde ich mich nicht langweilen?
Wie wird das alles eigentlich mit Jaak, der ja zu diesem Zeitpunkt noch in Estland war, aber auch bald nachkommen würde? Und vor allem - würde ich Kontakte knüpfen und Anschluss finden?

Wieder einmal gab es nur einen eizigen Weg diese Anworten zu finden - ausprobieren!

Mehrere Tage sass ich und durchforstete mein ganzes Zimmer in Effelder nach nützlichen und unwichtigen Dingen. Viel wurde weggeschmissen, Etliches wurde in grosse Koffer gepackt um später mit mir nach Freiburg zu reisen und ein kleiner Teil landete auch wieder in dem selben Schrank, in dem ich es gefunden hatte.

Ja... das könnte man aufrräumen nennen.
Die ganze Sache hatte nur einen Hacken: Da ich in Freiburg noch keine Wohnung hatte, konnte ich ausser einem Rucksack auch nicht viel mitnehmen!
Aber ich hatte es mittlerweile lieben gelernt mit wenigen Dingen auszukommen und die grossen Koffer würden mir sowieso bald meine Eltern bei einem Besuch hinerher fahren. Lange konnte es ja nicht dauern, bis ich eine Wohnung finden würde...



 Eine WG (Wohngemeinschaft) suchte ich, mit tollen Leuten, die einen nicht einsam werden liessen.
Zwei hatte ich mir bei meinem ersten Besuch bereits angeschaut (mehr war in der kurzen Zeit nicht möglich gewesen) - und zwei hatten mir auch abgesagt, sich für einen anderen Mitbewohner/in entschieden. Eine der beiden WG´s hatte mich sogar noch eingeladen, dass ich trotz Absage ein paar Nächte auf ihrer Couch schlafen dürfte, falls ich keine Unterkunft fand...

Aber glücklicherweise gab es da ja noch eine Alternative. Am 01.01.13 verliess ich früh morgens Erfurt, begab mich auf eine 8stündige Fahrt nach Freiburg und kam schliesslich in meinem neuen Zuhause an - dem Schwarzwald - Hostel!

(Internetfoto)
Vielleicht hätte es einige Menschen abgeschreckt, mit 20 fremden Personen in einem Zimmer zu schlafen.
Vielleicht hätten sich Andere darüber aufgeregt, dass sie dafür auch noch mehr Geld zahlen müssten, als für eine kleine Einzimmerwohnung.
Vielleicht hätte so manch einer auch spätestens dann einen kleinen Unruheanfall bekommen, wenn die Mäuse in der Nacht wieder herausgekommen wären, freundlich raschelnd und dabei, sich an der Schokolade gütlich zu tun, die selbst im Schliessfach nicht sicher aufgehoben war.

Aber mir gefiel es. Ja, ich suchte regelrecht nach etwas Neuem! Anderem! Das mir neben einem Vollzeitsjob und Routine-Arbeitsleben noch ein Stückchen Verrücktheit und Aussergewöhnlichkeit lassen würde!
Nur noch ein Stückchen vom nun vergangenen Reiseleben, dass ich mir bewahren konnte, nicht sofort von Null auf Hundert in den neuen Alltag starten.


Da bei meinem Einzug ins Hostel fast alle 21 Betten im Raum belegt waren, musste ich mit dem ganz vorne an der Tür vorlieb nehmen. Das hiess, dass jeden Abend und jeden Morgen 20 Leute an mir vorbeirauschten und mich beim Schlafen beobachten konnten.
Als der Raum dann leerer war und ich hätte umziehen können in ein anderes Bett - da brachte ich es einfach nicht mehr über mich! Verrückt, was war passiert? Immer wieder ging ich im Raum umher und fühlte nach, wie es wäre, an einer anderen Stelle zu schlafen. Aber an der einen Stelle fehlte das grosse Fenster, was mir zugleich Licht und frische Luft einbrachte, an der anderen Stelle war das Bett des Nachbarn zu nah und an der nächsten Raumecke vermisste ich die Hacken um meine Klamotten aufzuhängen. Den logischsten Grund für meine Gefühlslage fand ich aber erst nach einer ganzen Weile heraus: Da niemand vorne liegen wollte, hatten sich vor allem die "Langzeit-Hostel-Lebenden" alle hinten breit gemacht.
Die meiste Privatsphäre hatte ich also logischerweise immer noch, wenn vorne zwar jeder in wenigen Sekunden an mir vorbeilief, aber ich nicht stets und ständig einen Bettnachbarn hatte, der die ganze Nacht weniger als einen Meter von mir entfernt lag und schnarchte.

Mein kleines "privates" Reich im 21 - Personenhostelzimmer
Die Betten standen zum Glück in kleinen 7er - Gruppen, getrennt durch schulterhohe Holzwände. Man hatte also nicht alle Menschen in "nächster Nähe". Quietschende Hochbetten gab es netterweise auch nicht. Damit hätte man ja nochmals 21 Personen des grossen Geldes wegens unterbringen können...



Denn das gab es tatsächlich, pupsen und schnarchen. Aber ich sah es gelassen.
Leider war der einzige private Raum, zum Beispiel zum telefonieren, die Toilette.

Einen ganzen Monat verbrachte ich im Hostel und suchte währenddessen immer weiter nach Wohnungen. Aber hier lebten Menschen, die bereits seit vielen Monaten, gar ein halbes Jahr dort lebten und keine Wohnung fanden! 
Interessante Menschen traf ich dort. Und auch wenn sich der Kontakt zu Ihnen auf Dauer nicht halten wird - ich möchte die Begegnung mit ihnen keinesfalls missen.
Da war der schwule Kubaner, der Musical studiert, Verschwörungstheorien aufstellt und auf seine exzentrische Art jeden, den er trifft, erst einmal verbal angreift. Aber - er meint es nicht so.
Und da waren die zwei gutaussehenden Brasilianer - ein Profifussballer auf Tour und sein 30jaehriger Manager, der leider bereits geschieden ist und noch immer mit der Exfrau zusammen lebt.
 Da war der Spanier, ebenfalls geschieden, der immer fuer alle kochte und sich über die deutsche Kultur ärgerte - jeder lebte für sich und keiner kochte für ihn mit.
Da war der Inder, der ständig nach indischem Essen roch, weil er in einem indischem Restaurant arbeitete. Er stand kurz vor der Rente und war der Einzige, der nicht aus dem 21-Personenzimmer ausziehen wollte, weil er sonst so einsam wäre, wie er sagte.

Gemeinschaftsküche mit vielen interessanten Begegnungsmöglichkeiten
Und da war der 17jährige Deutsche, dessen Mutter ihm sein Leben lang vorgeschwindelt hatte sein Vater sei tot. Vor ein paar Wochen hatte er ihn dann zufällig in Facebook gefunden und endlich durfte er, hier in Freiburg, seinen totgeglaubten Vater kennen lernen.
Da war der 42jährige der gegen das deutsche System war und deshalb nicht arbeiten ging. Von was er lebte? Er schrieb Gedichte und wurde ausserdem von seiner Mutti unterstützt.
Und dann war dort auch noch ein Zweiter, der sich nicht so ganz an das System anpassen wollte. Offiziell galt er als obdachlos, ins Hostel kam er täglich nur Abends um zu kochen und schlafen tat er - richtig, im Wald. Bei jeglichem Wetter, im warmen Sommer und winterlich kaltem Schnee, baute er sein Zelt geschuetzt hinter Bäumen auf und alles Zeug was er hatte, lagerte in einer gemieteten Garage.
 
Aber wer mich am meisten beeindruckte, das war der buddhistische Mönch, der seit mehr als 10 Jahren im Hostel die Toiletten und Zimmer putzte. Er hatte einfach diese verdammt nette und hilfsbereite Art, die für mich jeglichen Glauben präsentierte, den man nur leben kann. Oder einfach nur Liebe. Leben. Hilfsbereitschaft. Wie auch immer. Nicht der Kirchgang macht einen zum guten Menschen, sondern etwas ganz anderes. Zum Beispiel, dass er ein kleines Mäusebaby vor dem sicheren Tod rettete, dessen Mutter durch das ausgelegte Mäusegift gestorben war und dessen Geschwister bereits durch Menschenhände in den eisigen Fluss geworfen worden waren. Er nahm es mit nach Hause und zog es dort auf, noch immer tut er das. Weil er einfach ein herzensguter Mensch ist.



Ich bin unglaublich dankbar, dass ich diese Menschen treffen durfte, mit ihnen auf engstem Raum mein Leben teilen konnte. Zu den wenigsten habe ich eine solche Beziehung aufgebaut, dass wir den Kontakt aufrecht erhalten würden. Aber ich durfte an ihrem Leben teilhaben und ich finde das ist es, was ein eigenes Leben interessant macht.
Auch der Hund einer Mitarbeiterin besuchte uns immer wieder im Hostel und wartete darauf, dass man ihm ein paar leckere Bröckchen zuwarf.
14 Wohnungen schaute ich an, bis ich endlich eine gefunden hatte. Nur als Zwischenmiete für den nächsten Monat. Immerhin. 
14 WG-Castings, in denen man im besten Fall zehn Minuten Zeit eingeräumt bekommt sich vorzustellen, sich anzupreisen, klar zu stellen, dass man besser ist als die anderen zehn bis 100 sonstigen Leute die kommen um sich anzupreisen. Manchmal werden Fotos gemacht, damit sich die WG-Eigentümer hinterher auch noch an alle erinnern können. Nur ein paar Sätze sind es die man sagt und die überzeugen müssen, willkommen im Showbuisness! 

Die Hostelduschen erinnern an Raumkapseln.
 Und dann immer hinterher die Nachricht: "Danke für dein Erscheinen, aber wir haben uns leider gegen dich entschieden." Und dann wieder die Aussage von allen Seiten "Das ist ja nichts gegen dich, sowas darf man nicht persönlich nehmen!" Wie man das allerdings nicht persönlich nehmen soll, wenn man sich doch persönlich vorgestellt hat, das ist mir noch immer ein Rätsel.
Ein paar Tatsachen: Zwei Bekannte haben einmal hier in Freiburg einen Nachmieter für ein WG-Zimmer gesucht. Sie haben eine extra Emailadresse eingerichtet, weil sie schon wussten was kommt. Nach 20 Stunden hatten sich 200 Leute gemeldet. Hinterher bekam keiner von ihnen die Wohnung, sondern jemand aus dem entfernten Bekanntenkreis.
Jedes Jahr zum Beginn des Sommersmesters werden die Turnhallen geöffnet. Hier leben alle, die keine Wohnung finden können.
Einmal hatte ich genau 5 Minuten Zeit mich "anzupreisen", in derselben Zeit kam aber auch schon eine Andere. Ich sagte in dem ganzen "Casting" genau 2 Sätze.
Wer kann sich rückwirkend an 50 Leute erinnern, die er für ein paar winzige Minuten, innerhalb weniger Tage gesehen hat? 
Ungefähr ein Viertel der Leute, hat mir auch bis 3 Monate später nicht geschrieben, dass ich abgelehnt bin.
Einmal bekam ich die Wohnung für einen Monat! Ein paar Stunden später kam die ernüchternde Nachricht: Die unbekannte Mitbewohnerin hatte sich doch für jemanden Anderes entschieden, der am Wochenende nie da sein würde. Wieder nix. Danach kaufte ich mir aus Frust ein Fahrrad im Hostel, dass sonst hier für Tagestouren vermietet wurde.

Mein "neues" Fahrrad!
Und so geschah es, dass ich die Einmonatswohnung bekam: 
Einen Abend vorher, war ich zum ersten Mal mit ein paar Arbeitskollegen ausgegangen. Spät in der Nacht kam ich alleine zurück zum Hostel und mir wurde bewusst, was ich zuvor so schön verdrängt hatte:
Die Tür des Hostels war in der Nacht abgeschlossen!
Ah ja. Deshalb nahm man also einen Schlüssel mit. Hatte ich natürlich nicht. Da stand ich also in winterlicher Kälte, früh am Morgen vor verschlossener Tür und hatte keine Ahnung, was zu machen sei. Erfahrungsgemäss waren es noch mindestens drei Stunden, bis sie hier wieder aufmachten.
Schliesslich fielen mir die Worte wieder ein, die eine Arbeitskollegin am Morgen zu mir gesagt hatte:
"Wenn du mal keine Unterkunft hast, kannst du gerne bei uns schlafen!"
"Oh, wie nett" hatte ich gesagt, aber niemals gedacht, dass dies innerhalb eines Tages eintreffen würde!
Wir waren ja gerade zusammen weg gewesen, ich traf sie in der Stadt und verbrachte die Nacht bei ihr.
Am nächsten Tag zog ich die rauchig - muffigen Klamotten der Feier wieder an und wischte mir kurz über die Zähne - eine Zahnbürste hatte ich natürlich nicht dabei! Genau in diesem Zustand war ich, als das Mädel auf meine Anzeige antwortete und mich jetzt gleich treffen wollte!
Zum ersten Mal hatte ich also nicht darüber nachgedacht, dass ich ordentlich aussehe bevor ich zum Casting gehe und schnell noch eine Dusche genommen. Und ich bekam die Wohnung.



Auf dem Heimweg stieg ich über einen Berg, das sollte eine Abkürzung sein und Spass machen. Und endlich mal wieder ein Abenteuer! Das wusste ich spätestens dann, als es um mich herum stockdunkel geworden war, ich natürlich keinerlei Licht bei mir hatte und als ich nach viel zu langer Kraxelei endlich oben angekommen war, nicht die geringste Ahnung hatte, in welche Richtung ich gehen musste. Ein junges Paar bewahrte mich vor dem Fehler, einen ungemeinen Umweg zu laufen. Sicher waren sie sich aber auch nicht. Nun ging die Rutschpartie los! Wenige Zentimeter neben mir ein steiler Abhang, dankbarerweise ein bisschen Mondlicht und einen Weg, der vollkommen von Eis überdeckt war. Unmöglich dort nicht zu fallen. Unmöglich nicht mit einem ganzen Haufen blauer Flecke zu Hause anzukommen. Aber immerhin, ich hatte es geschafft! Wenn ich auch nicht dort herauskam, wo ich herauskommen wollte...
Nach anderthalb Stunden kam mir die Gegend wieder bekannt vor - ich war genau da angekommen, wo ich auch los gelaufen war! Genaugenommen zwei Strassen weiter, diesen Weg hätte ich in einer Minute von meiner neuen Wohnung aus laufen können!
Aber das Abenteuer war es definitiv wert gewesen!

Der Schlossberg in Freiburg - im Winter lieber im Hellen geniessen! (Internetfoto)
Nur wenige Tage später würde ich in meine neue Wohnung einziehen, in der ich einen Monat bleiben konnte.